
Ein HELLMA-Prospekt für die Gastronomie

Adelheid Buschmann, eine Hamburger Fechtlehrerin. Sie hat Zuckerstückchen
von fast allen Cafés, die »Alter Fritz« heißen (vgl. die kleine Abb.).
Aus: QUICK, 1962.
Ein DZDF-Service:
Informationen für Zuckersammler (4)
Seinem Steckenpferd Zucker geben...
Zuckerwürfel-Sammler verdanken der Gastronomie ein originelles Hobby
Ob man es Hobby, Steckenpferd, Passion oder auch Sammelleidenschaft nennt.
Der Mensch von heute braucht eine Entspannung, einen inneren Ausgleich, der gleichzeitig
auch etwas Freude und Erholung bringt. Und dafür eignet sich eben bestens eine
Sammeltätigkeit. Unser heutiger Hobby-Bericht befaßt sich einmal mit »süßen Sachen«:
dem Sammeln von Zuckerstücken - das mit zu den originellsten Steckenpferden
zählt. Übrigens verdanken diese Sammler ihre Schätze fast ausschließlich dem
gastronomisehen Gewerbe.
Philatelisten sind Briefmarkensammler, Phillumenisten die von Zündholzetiketten, für Sammler von
Zuckerstückchen aber hat man bisher noch keinen so prägnanten Namen gefunden. Vielleicht
liegt das daran, daß sie noch nicht so zahlreich und auch nicht so bekannt sind wie
andere Hobbyfreunde. Doch das tut der »Gilde der Zuckersammler« keinen Abbruch, gehören
ihr doch Menschen aus allen Schichten der Bevölkerung an: Hausfrauen, Lehrer, Beamte,
Direktoren, Akademiker verschiedener Richtungen, und natürlich auch zahlreiche
Jugendliche.
Wer jedoch glaubt, nur Ansichtskarten-Sammler,
Briefmarken-Sammler oder Etiketten-Sammler hätten nach Zehntausenden von Stücken
zählende Sammlungen, der irrt. Eine Hamburger Fechtlehrerin hat eine
Zuckerstücke-Sammlung von über 55000 verschiedenen Exemplaren aufzuweisen, während ein
Holländer weit über 70000 Zuckerbanderolen sein eigen nennt. Diese beiden Sammlungen
dürften mit zu den größten in der Welt zählen.
Sammlung löste sich im Kaffee auf
Daß eine umfangreiche Sammlung nicht von ungefähr kommt
und Fleiß und Ausdauer erfordert, aber auch schnell wieder verlorengehen kann, beweist
das Schicksal des wohl derzeitigen Seniors der Gilde der deutschen Zuckersammler, des
73jährigen August Kellner aus dem schönen Goslar. Schon vor dem Krieg besaß er an die
10000 Zuckerstückchen. Daran erinnerten sich auch - als die Zuckerknappheit gegen Ende
des Krieges am größten war - Bekannte und vor allem seine Nachbarn. Nun, Sammlerfreund
Kellner ließ sich seinerzeit nach langem Zögern bewegen, seine geliebten süßen
Schätze für die Milchflaschen der Säuglinge sowie für den »Muckefuck« der
benachbarten Kaffeetanten schließlich doch herauszugeben, wenn auch sehr schweren
Herzens.
Als nun nach den Notzeiten der Nachkriegsjahre die
Sammeltätigkeit so langsam wieder auflebte, um schließlich heute in noch nie dagewesener
Aktivität hohe Blüten zu treiben, da war Senior Kellner sehr traurig, denn viele seiner
Zuckerstückchen aus damaliger Zeit sind heute Raritäten und nicht mehr zu bekommen, denn
der Krieg hat zahlreiche Gaststätten und Cafés vernichtet. Er besitzt inzwischen wieder
rund 7000 der begehrten Zuckerstückchen.
Andere Sammler sind in den damaligen Notzeiten standhaft
geblieben und erfreuen sich heute ihrer Schätze. So haben ein Sammler aus Hamburg rund
30000 »Stücke«, zwei Hausfrauen aus München 25000 und 22000 verschiedene, eine
Hausfrau aus Berlin 15000 und ein Dipl.-Ingenieur 12000 Zuckerstückchen aufzuweisen, die
vielen Dubletten nicht eingerechnet.
Auch Tütchen werden gesammelt
Aber nicht nur Zuckerstückchen sind begehrtes Sammelgut.
Vorwiegend in Italien, Holland und Amerika werden zum Kaffee auch Zuckertütchen gereicht.
Und auch hiervon gibt es umfangreiche Sammlungen. Daneben bevorzugen zahlreiche Hobbyisten
vorwiegend aus Platzmangel und der besseren Übersicht halber Zuckerbanderolen, auch
Etiketten genannt. Diese werden dann nach Ländern, Städten oder auch nach Motiven
getrennt auf DIN A 4-Blätter aufgeklebt und in Ordnern untergebracht. Überhaupt ist die
Unterbringung einer in die Zehntausende gehenden Sammlung von Zuckerstücken ein Problem.
Bevorzugt werden daher große, flache Kartons, in denen bis zu 400 Stücke Platz finden.
Auch einen Zusammenschluß gibt es in dieser Hobbysparte:
den Stuttgarter Tauschring der Zuckersammler, wohl die einzige Hobby-Vereinigung dieser
Art in Europa. Die Leitung hat Frau Jetty Tragau in Asperg/Württ., die selbst 20000
Zuckerstückchen ihr eigen nennt. Es ist klar, daß durch Zusammenschlüsse von
Gleichgesinnten das Sammeln gefördert wird und neue Steckenpferdreiter hinzukommen.
Mehrere Tauschtreffen der Zuckersammler in Stuttgart und München - die eigens für diesen
Zweck teilweise sehr weit her angereist kamen - haben das vollauf bestätigt.
Einst in Böhmen »erfunden«
Wer weiß übrigens, daß es schon seit 1840 Würfelzucker
gibt? Er soll in Datschitz im Böhmisch-Mährischen »erfunden« worden sein. In einer
Konditorei goß man seinerzeit probeweise flüssige Raffinademasse in flache,
tafelförmige Gefäße. Nach Erkalten und Trocknen wurden die Tafeln in kleine,
würfelförmige Stücke zersägt. Das Experiment war gelungen, daher auch der Name
Zuckerwürfel. Über Wien - Inbegriff der urgemütlichen Kaffeehäuser - fand der
Würfelzucker bald danach rasche Verbreitung über ganz Europa und schließlich in großen
Teilen der Welt. Erst nach der Jahrhundertwende erfolgte aus hygienischen Gründen die
Verpackung des Zuckers mit Hilfe von Banderolen. Heute, nach über 120 Jahren, gehört er
einfach zu einer Tasse Kaffee oder Tee mit dazu, wenn auch vereinzelte Betriebe dazu
übergegangen sind, statt Würfelzucker losen Zucker in Streudosen zu verabreichen.
Wie schon erwähnt, verdanken die Zuckersammler ihr Hobby
fast ausschließlich der Gastronomie. Das hat auf der anderen Seite aber auch dem
Gastgewerbe und den Cafés die Möglichkeit der Eigenwerbung gegeben. Originell und oft
auch sehr lustig, dann wieder recht seriös wirkt eine Motivsammlung auf den Betrachter.
Eine kleine Auswahl mag das veranschaulichen: »Café Goethe«, »Café Schiller«,
»Café Mozart«, »Café Schubert« und zahlreiche weitere mit berühmten Dichter- und
Komponistennamen geben hiervon Zeugnis.
Aber auch die Zuckerstücke der Casinos, die es in fast
allen Bundesministerien in Bonn gibt, und natürlich auch von zahlreichen Spielbanken,
sind in den einschlägigen Kreisen begehrte Sammelobjekte. Ferner haben die
Zuckerfabrikanten auch Serien herausgebracht, zum Beispiel sind die zwölf
Tierkreiszeichen gleich auf 21 Serien in verschiedenen Arten und Farbunterschieden
herausgekommen.
Begehrte Kuriositäten und Raritäten
Besonders begehrt sind Kuriositäten in der Namensgebung:
»Café Steuerdieb« in Hannover, Restaurant »08/15« in Frankfurt a. M., historische
Gaststätte »Der Alte Fritz« in Berlin-Tegel, »Dick und Doof« in Berlin, Gasthof »Zur
Filzlaus« in Niederfüllbach, Gasthaus »Geschwollenes Herz« in Bingen, »Spatzennest«
in Ulm, »Astronautenkeller« in Hamburg, »U 2« in Stuttgart und Hunderte anderer, die
aus Platzmangel hier nicht genannt werden können. Den Vogel aber in dieser Aufzählung
dürfte das Hotel und Restaurant »Menschenhaus« bei Neunkirchen/Saar abschießen.

Zuckerstückchen »Hofgut Menschenhaus« und »zum Chefkoch« aus Neunkirchen/Saar
Nicht nur bei Briefmarken und Etiketten gibt es
Fehldrucke. So existiert unter anderem ein Zuckerwürfel mit der Aufschrift: Vailringen/Enz.
Das ist natürlich ein Irrtum, denn einen Ort dieses Namens gibt es nicht. Es muß hier
richtig heißen: Vaihingen/Enz. Abarten in dieser Form kommen häufiger vor, als man
glaubt; sie sind in Sammlerkreisen besonders willkommen.
Ob nun Hotels, Restaurants, Cafés, Casinos oder noch
andere gastgewerbliche Betriebe, fast alle haben den Werbewert auf Zuckerpackungen erkannt
und daher außer der Namensgebung oft noch grafische Darstellungen ihrer Häuser darauf
drucken lassen.
Häufig kann man jedenfalls beobachten, daß Gäste zum
Kaffee auf Würfelzucker verzichten und ihn mitnehmen; das sind dann meistens entweder
selber Sammler oder sie geben ihn an solche weiter. Teilweise geht die Sammelleidenschaft
auch so weit, daß Hobbyfreunde ein Restaurant oder Café mit einem originellen Namen nur
aufsuchen, um hier unbedingt einige Zuckerstücke für ihre Sammlungen zu ergattern.
Menschen, die Zuckerstücke sammeln, tun dies nur aus
Liebhaberei und Freude an den kleinen »süßen Sachen«. Sie wissen genau, daß ihr Hobby
keinerlei Bewertung erfährt, wie das etwa bei Briefmarken der Fall ist. Sie tauschen ihre
Stücke im Verhältnis von 1:1 und sind zufrieden. Es sind sozusagen die Amateure unter
den Sammlern.
Hermann Thiede
Aus: »Die deutsche Gaststätte - Deutsche Hotelzeitung«,
Weihnachten/Silvester 1963, Seite 28.

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Diese Seite wurde zuletzt aktualisiert am 15.08.2011